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«Eiffelturm», 1957, © Roger Humbert

ProgrammZeitung aus dem Oktoberheft 2020, S. 23

Existenzielles Licht

Iris Kretzschmar

Der 90-jährige Fotograf Roger Humbert zeigt
im Bellevue sein Lebenswerk.

In Basel widmen sich zurzeit gleich zwei Ausstellungen dem Medium der Fotografie. Wer beide besucht, kann durchaus Berührungspunkte finden: Während im Kunstmuseum quasi im Überflug historische Alltagsauf-nahmen von den Anfängen bis in die 1970er-Jahre zum Entdecken einladen, fokussiert das Bellevue auf das künstlerische Lebenswerk des 90-jährigen Fotografen
Roger Humbert und zieht den Faden der Entwicklung bis
in die Gegenwart. Obwohl die Lichtbilderkunst im Volksmund noch immer für ein Abbild der Realität steht, entstanden bereits im 19. Jahrhundert ganz andere Trends, die den dokumentarischen Charakter des Mediums widerlegten.

Poetische Bilder.

Humbert, der sich jahrelang in der Werbung einen Namen gemacht hat, kennt alle fotografischen Techniken von den Anfängen bis zu den neuesten Entwicklungen der genera-tiven, digitalen Fotografie. Als würde man ein Vergrösse-rungsglas auf einzelne Strömungen legen, sind im Bellevue neben der kameralosen Fotografie, Experimenten mit Licht und Schablonen aus der Dunkelkammer, auch poetische Bilder aus fernen Ländern anzutreffen. Menschen, die von der Kulturrevolution Chinas erzählen, Strassenszenen aus Paris, ägyptische Landwirtschaft im Kontrast zu den altehrwürdigen Pyramiden und stille Szenen mit versun-ken spielenden Kindern. Natürlich ist auch der Eiffelturm zu sehen – Meisterwerk einer präzis konzipierten,
quadratischen Komposition von 1957. Die filigranen Eisenpro-file füllen das Bildformat wie ein ornamentales, geometrisches Netzwerk, ein Gebilde fast wie aus dem russischen Konstruktivismus. Dazu hatte sich Humbert unter den mächtigen Turm gelegt. Eine gute Stunde war
er auf dem Boden herumgerutscht, um den exakten Ausschnitt zu finden!

Licht als Farbe.

Beim Betreten der kleinen, feinen Ausstellung wird man von zwei Bildern, einem Augapfel und der Mona Lisa empfangen. Werke, die programmatisch für Roger Humberts Verständnis des Mediums stehen – die Intelligenz der Technik und des menschlichen Auges, als Empfänger von Sehstrahlen, die im Gehirn zu Bildern verarbeitet werden. Humbert spricht vom «Sehen hinter dem Sehfeld» und meint damit die dem Bild vorangehende Vorstellung. Foto kann gar Malerei! Wie gepinselt schaut die berühmte Gioconda aus, ist aber ein computergeneriertes Bild, das auf einem Kupferstich von 1859 beruht. Eine neue Werkgruppe stellen Humberts Versuche mit Sonnenlicht dar. Es sind ungegenständliche Farbbilder, die durch die Zerlegung und das sich gegenseitige Durchdringen der Spektralfarben wundersame bunte Strömungen erzeugen. Humbert hatte dazu eine spezielle Anlage mit einem Holzbrett und Prismen gebaut. Pro Aufnahme blieb ihm knapp eine Minute Zeit, weil sich durch die Erdrotation eingefangene Sonnenstrahlen veränderten. Humbert zeigt nicht nur das Licht als existenzielles Medium für den Menschen, er führt den Dialog mit der Intelligenz der technischen Apparatur, um die Fotografie als Medium zu befragen.

• Roger Humbert, «ad rem – Photographie als technische
    Intelligenz»: bis 1.11., Bellevue – Ort für Fotografie,
    Breisacherstr. 50, Basel, www.bellevue-fotografie.ch

 

 

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