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‹Hotel Strindberg› © Reinhard Werner, Burgtheater Wien

ProgrammZeitung 01/2019, S. 13

Inferno hinter Glas

Verena Stössinger

Simon Stones ‹Hotel Strindberg› am Theater Basel. Rezeption, Frühstücksraum, darüber die Etagen mit den Zimmern. Eins hat noch einen Wohnraum und eins liegt 

neben einer Art Proberaum. Verbunden sind sie durch ein Treppenhaus, zur Rampe hin ist Glas. Simon Stones ‹Hotel Strindberg› sieht wie ein grosses, vielteiliges Schaufenster aus (Bühne: Alice Babidge).

Die Menschen darin zeigen sich so ungehemmt und ungeschützt, als wäre da die vierte Wand. Männer und Frauen, verliebte, gierige, intrigante, gedemütigte und von allem verlassene: ein gelegentlich groteskes Personal, wie es die naturalistischen Geschlechterkampfstücke und die Kammerspiele bevölkert, die August Strindberg (1849–1912) verfasste, «der Frauenhasser, der oft dem Wahnsinn nahe, von Obsessionen besessene, von Dämonen gejagte grosse schwedische Realist», wie es im Wiener Programmheft heisst (wo das koproduzierte Stück schon gezeigt wurde). Sie agieren in simultanen Szenen, die – wie in Stones ‹Drei Schwestern›, seinem letzten grossen Erfolg in Basel – Situationen und Dialoge aus den Textvorlagen nicht reproduzieren, sondern kongenial neu fassen und verfugen.

Szenisches Räderwerk.
Wie kommt so ein Mosaik zustande? «Wir haben zunächst gemeinsam gelesen, alle Stücke und auch andere Texte von Strindberg», sagt Barbara Horvath, die Schauspielerin, die hier zum dritten Mal mit Stone arbeitet. «So bekommt jeder nicht nur eine einzelne Figur mit, sondern den ganzen Kosmos.» Aus den Lektüregesprächen entwickelte der Regisseur über Nacht seine Szenen, schrieb sie englisch auf, sie wurden übersetzt, überprüft, erprobt – «und so entstand dann seine Adaption der Motive und Themen, die wir gemeinsam gefunden haben». Ein neuer Bühnen-Kosmos, aus dem einzelne Szenen herausgehoben werden, während andere, für die Zuschauenden stumm, daneben weiterlaufen – «eine extrem logistische Geschichte», ein szenisches Räderwerk, hochpräzise.
Und wie begegnet man dabei heute dem ‹Frauenhasser›? «Klar, Frauen sind ihm eine Bedrohung», sagt Barbara Horvath. «Aber er spricht ihnen auch Kraft zu, nimmt sie für voll, bis in die Gemeinheit», was um 1900 noch nicht ein­-mal im Norden der sozialen Wahrnehmung entsprach. Und schliesslich bündelt sich das Geschehen auch in einer Strindberg-Figur (Martin Wuttke), einem Mann, der sich in dem, was er sieht, erkennt und verwirrt verliert; das «Inferno», von dem Strindberg schrieb, war ja in ihm drin. Zu erwarten ist ein grosser Theaterabend; hoffentlich nicht der letzte von Simon Stone in Basel.
♦  ‹Hotel Strindberg› (UA): ab Mi 16.1., 18.30–23, Theater Basel


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